Samstag, 3. Mai 2008

Ist es immer möglich, Buße zu "finden"?

Joel 2b, 12-27

Der Prophet Joel malt das Strafgericht Gottes mit vielen Worten und Vergleichen recht plastisch aus. Weniger spricht er davon, weshalb das Gericht kommt, bzw. welche Sünden die Menschen begehen. Offenbar ist es ihm sehr wichtig, dass das Volk Buße tut und zu Gott zurück kehrt. Von diesem Gesichtspunkt aus – also von Buße – möchte ich die Verse 12 – 27 aus Kap. 2 noch einmal lesen.

12 »Aber selbst jetzt noch könnt ihr zu mir umkehren«, sagt der Herr. »Wendet euch mir zu von ganzem Herzen, fastet, weint und klagt! 13 Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider!« Ja, kehrt um zum Herrn, eurem Gott! Ihr wisst doch: »Er ist voll Liebe und Erbarmen. Er hat Geduld, seine Güte kennt keine Grenzen. Das Unheil, das er androht - wie oft tut es ihm Leid!« 14 Vielleicht tut es ihm auch diesmal Leid und er lässt auf euren Feldern und Weinbergen wieder eine Ernte heranwachsen. Dann könnt ihr ihm, eurem Gott, wieder Korn und Wein als Opfer darbringen.
15 Blast das Horn auf dem Zionsberg! Ruft einen Fasttag aus, ordnet einen Bußgottesdienst an! 16 Versammelt das Volk und sorgt dafür, dass es rein vor den Herrn tritt! Vom Säugling bis zum Greis sollen alle zusammenkommen. Selbst die Brautleute sollen aus der Hochzeitskammer kommen! 17 Die Priester, die Diener des Herrn, sollen auf dem Platz zwischen Tempel und Altar weinen und beten: »Herr, hab Erbarmen mit deinem Volk! Wir sind doch dein Eigentum! Tu uns nicht die Schande an, dass fremde Völker über uns herrschen. Lass nicht zu, dass Fremde über uns spotten und sagen: Wo ist nun ihr Gott?«3
18 Da erwacht im Herrn die brennende Liebe für sein Land und das Erbarmen mit seinem Volk. 19 Er antwortet ihnen: »Verlasst euch darauf: Ich gebe euch so viel Korn, Wein und Öl, dass ihr euch daran satt essen könnt. Ihr werdet den Völkern nicht mehr zum Spott dienen. 20 Denn ich rette euch vor dem Feind aus dem Norden. Seine Vorhut treibe ich ins Tote Meer und seine Nachhut ins Mittelmeer; sein ganzes übriges Heer jage ich in die Wüste, wo es vernichtet wird. Die Leichen werden die Luft mit ihrem Gestank erfüllen. So bestrafe ich ihn für seine Prahlerei.« 21 Ihr Felder, habt keine Angst mehr, freut euch und jubelt! Der Herr hat Großes getan. 22 Ihr Tiere auf freiem Feld, habt keine Angst mehr! Die Weiden in der Steppe sind wieder grün. Auch die Bäume tragen wieder Frucht; Feigenbaum und Weinstock bringen reichen Ertrag. 23 Ihr Bewohner des Zionsberges, freut euch und jubelt über den Herrn, euren Gott! Er erweist euch seine Güte und schickt euch Regen wie zuvor, Frühregen im Herbst und Spätregen im Frühjahr. 24 Auf den Dreschplätzen häuft sich das Getreide und in der Kelter laufen die Wannen über von Most und Öl. 25 Der Herr sagt: »Ich habe mein großes Heer gegen euch geschickt. Aber jetzt ersetze ich euch die Ernten, die die Heuschreckenschwärme vernichtet haben.5 26 Ihr werdet euch richtig satt essen können. Dann werdet ihr mich, euren Gott, preisen, weil ich solche Wunder für euch getan habe. Nie mehr werden die anderen Völker über mein Volk spotten. 27 Daran werdet ihr Leute von Israel erkennen, dass ich, der Herr, in eurer Mitte bin, dass ich euer Gott bin und sonst keiner. Nie mehr überlasse ich mein Volk der Schande.«
Soweit der Prophet Joel, Kap. 2, 12- 27
Über die positiven Folgen der Buße sprachen wir schon in der vorigen Betrachtung, heute soll es mehr darum gehen, wie wir zur Buße finden können.


II
In der Geschichte des Christentums hat es immer wieder große Erweckungen gegeben. Die erste war in Jerusalem nach der Pfingstpredigt des Apostels Petrus. Dieses Ereignis wird uns ja in Apostelgeschichte 2 folgendermaßen beschrieben: „Als sie aber das hörten, ging's ihnen durchs Herz und sie sprachen zu Petrus und den andern Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun? 38 Petrus sprach zu ihnen: Tut Buße und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen.“- Hier also gab es eine große Erweckung die damit begann, dass die Zuhörer Buße taten. In Ecuador gab es in den 70er Jahren große Erweckungen unter den Indianern am Chimborazo. Noch heute sind die Auswirkungen davon zu merken. In der Stadt Quito allein gibt es über 50 evangelische Indianergemeinden. Ganz zu schweigen von den hunderten, die im übrigen Land verstreut sind. Auch in Deutschland gab es solche Erweckungen. Man spricht hier von der Erweckung im Bündener Land. Es gab Zeiten, etwa um 1900, wo die Menschen von sich aus den Pfarrer aufsuchten, ihm ihre Sünden bekannten und Buße taten. Der Pfarrer hatte nichts besonderes dazu beigetragen, aber die Leute standen manchmal Schlange vor seinem Haus. Er führte jeden Abend bis in die Nacht hinein ernste Gespräche mit seinen Kirchenmitgliedern. – Pastor Alcides Jucksch aus Brasilien erzählt, wie er einmal eine Erweckung erlebt hat. Er wohnte damals noch in Deutschland, hatte die Bibelschule abgeschlossen und evangelisierte in verschiedenen Ortschaften. Jucksch bekam eine Einladung nach Hartenrod, einem kleinen Städtchen in Hessen in der Nähe von Marburg. Er schreibt: „Ich fing an wie immer zu predigen und wiederholte die Predigten, die ich schon anderswo gehalten hatte. Aber was war das? Der Besuch nahm immer mehr zu! Da kein größerer Raum in Hartenrod zu haben war, hielt ich meinen ersten Evangelisationsvortrag von 19 – 20 h. Dann gingen die Besucher aus dem Saal und der Saal füllte sich gleich wieder mit Leuten, die draußen gestanden und gewartet hatten. Es kamen auch so viele Kinder zur Sprechstunde, dass ich Hilfe anfordern musste. Die Helferin erzählte mir später, wie auch Kinder eine tiefe Sündenerkenntnis gekommen hatten. Viele, viele Menschen kamen in diesen Tagen zum lebendigen Glauben an Jesus Christus“. Soweit Pastor Jucksch. – In der Mission gibt es immer wieder solche Geschichten, wo ganze Dörfer, Sippen, Volksstämme und weite Gebiete für den Glauben an Jesus erweckt werden. Das hat oft Auswirkungen auf mehrere Generationen und das Wachstum der Gemeinde an andren Orten.
Was mir an fast allen Erweckungsgeschichten auffällt ist, dass zuerst Sündenerkenntnis und Buße stattfinden. Menschen werden plötzlich in ihrem Gewissen getroffen, erkennen ihre Schuld und Sünde vor Gott und bitten um Vergebung. Was da wirklich passiert ist, ist nicht leicht zu erklären; denn die Leute wussten sicher schon lange, dass sie Sünder waren. Sie hatten wohl auch schon viele Predigten gehört. Doch plötzlich wird die Botschaft lebendig, sie erkennen sich im Licht Gottes und bekommen das Verlangen nach Vergebung und Versöhnung mit Gott. So etwas sehen wir ja auch im Buche des Propheten Joel. Das zentrale Thema seiner Reden ist: „Tut Buße.“ Er wendet dazu all seine Überzeugungskraft an. Vor allem erklärt er seinen Landsleuten, dass Gott Katastrophen und Gerichte kommen lassen wird. Ja, manche Plagen, wie die Heuschreckenplage, bringen das Volk jetzt schon in große Not. Die ausführliche Beschreibung der Gerichte Gottes und ihrer Folgen haben das einzige Ziel, die Menschen zur Umkehr und Hinkehr zu Gott zu bewegen. Fast flehentlich ruft er: „Selbst jetzt noch könnt ihr zu mir umkehren«, sagt der Herr. »Wendet euch mir zu von ganzem Herzen, fastet, weint und klagt! 13 Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider!« Ja, kehrt um zum Herrn, eurem Gott! Ihr wisst doch: »Er ist voll Liebe und Erbarmen. Er hat Geduld, seine Güte kennt keine Grenzen. Das Unheil, das er androht - wie oft tut es ihm Leid!« 14 Vielleicht tut es ihm auch diesmal Leid und er lässt auf euren Feldern und Weinbergen wieder eine Ernte heranwachsen.“ -- Warum, so frage ich mich, muss der Prophet die Menschen so flehentlich bitten, zu Gott umzukehren? Warum muss Gott so drastische Mittel anwenden, um die Leute zur Buße zu bewegen?

III
Offenbar ist es sehr schwer, Schuld zu bekennen und Buße zu tun. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Man kann es aber auch in der Familie, in der Gemeinde oder in der Gesellschaft beobachten.
Warum fällt es so schwer?

1.- weil es eine Demütigung ist. Das Deutsche Volk hat unter Hitler furchtbare Verbrechen und Grausamkeiten begangen. Aber die nachfolgenden Regierungen haben die Fehler zugegeben und Buße getan. Viele andere Nationen haben auch Völkermord begangen, aber sie geben ihre Sünde nicht zu. Bei einer öffentlichen Buße muss man seine Fehler vor anderen nennen und zugeben. Man muss von sich selber einsehen, dass man egoistisch, rücksichtslos und schlecht war. Dadurch sinkt das Selbstwertgefühl, man verachtet sich selber. Aber auch andere verachten einen wegen der Sünden und Fehler. Es demütigt uns, unser Versagen zu zu geben.
2.- weil es uns verletzlich macht. Bei einer Buße gibt man sich ja der Verachtung oder der Wut anderer Leute preis. Es ist nicht immer so, dass die Umwelt es schätzt, wenn sich einer zu seiner Schuld bekennt. Oft nutzen die lieben Geschwister, die Kollegen und vor allem die Neider und Feinde das Schuldbekenntnis, um einen zu verletzen. Sie machen dann gern eine große und furchtbare Sache von der Sünde malen sie aus, treten sie breit und freuen sich, weil sie uns überlegen sind. Natürlich gibt es auch Menschen, die das Eingeständnis von Schuld sehr zu schätzen wissen. Sie bewundern jeden, der den Mut hat, zu seinen Verfehlungen zu stehen. Es ist für sie ein Zeichen von Ehrlichkeit, Transparenz und wahrer Größe.
3.- Es fällt uns schwer, Buße zu tun, weil wir so viel Verständnis für unsere eigenen Schwächen und Fehler haben. Was wir vielleicht bei anderen verurteilen, können wir bei uns selbst ganz gut tolerieren. Wir wissen ja, wie sehr wir uns bemüht haben, wie groß die Versuchung war, in welcher Notlage wir gerade waren – so können wir unsere Sünden gut erklären und entschuldigen. Unserer Ansicht nach brauchten wir bestimmt keine Buße zu tun, denn die Sachen, die man uns vorwirft, sind ja doch Lapalien in unseren Augen. Dieses Problem hat Jesus sehr anschaulich angesprochen als er von dem Splitter im Auge des Nächsten und dem Balken im eigenen Auge sprach. Den Balken bei uns selbst, die großen, schweren Verfehlungen, können wir oftmals gar nicht erkennen.
4.- weil man Angst hat. Sünden zu bekennen kann wirklich auch schwere negative Folgen für unser ganzes Leben haben. Auch das Ansehen unserer Familie, des Unternehmens oder der politischen Partei kann dadurch Schaden leiden. Ich erinnere mich noch an jenes sehr seltene Unglück, wo zwei Flugzeuge in großer Höhe zusammen stießen. Viele Kinder kamen damals ums Leben. Natürlich wird dann sofort nach einem Verantwortlichen gesucht. Und es ist ja doch furchtbar, wenn man zugeben muss: „Ich habe Schuld am Tode aller dieser Menschen.“ Selbst wenn der Schuldige bereit war, sein Versagen zu bekennen, so war doch das Unternehmen, bei dem er arbeitete, sehr vorsichtig mit einem öffentlichen Eingeständnis. Ein Schuldbekenntnis eines Angestellten konnte leicht ein schlechtes Licht auf die ganze Organisation werfen, es konnte noch dazu führen, andere Mängel und Unregelmäßigkeiten ans Licht zu bringen. Außerdem hätte ein Eingeständnis der ganzen Schuld unüberschaubare finanzielle Folgen gehabt. So ist es verständlich, dass die Vorgesetzten und Kollegen des Schuldigen an einem öffentlichen Bekenntnis nicht interessiert waren. Dazu kommt, dass bei solch einem Desaster meist mehrere Faktoren und Fehler zusammen wirken. Also müsste die Schuld gerechterweise auf viele Schultern verteilt werden. Schuld einzugestehen kann recht gefährlich nachteilig werden, für einen selbst und für andere Personen.

Wir könnten noch manche andere Gründe nennen, weshalb es so schwer ist, Buße zu tun. Man kann sich immer damit rechtfertigen, dass andere noch schlimmere Dinge getan haben und sich nicht dazu bekannt haben. Man kann argumentieren, dass es nicht nötig sei, hier seine Schuld zuzugeben, oder dass vielleicht andere gefährdet werden. Wer z.B. einen Raub oder einen Betrug bekennen muss, der wird ja auch meistens seine Mittäter nennen müssen. Man kann auch darauf verweisen, dass echte Buße eine Herzenssache ist. Etwas, was man nicht erzwingen kann. Und auf dieses Problem möchte ich noch kurz eingehen.

IV
In seinem Ruf zur Buße sagt der Prophet Joel. 13 Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider!« Ja, kehrt um zum Herrn, eurem Gott!“ und weiter: „Ruft einen Fasttag aus, ordnet einen Bußgottesdienst an! 16 Versammelt das Volk und sorgt dafür, dass es rein vor den Herrn tritt!“
Es geht Gott also darum, dass die Menschen von Herzen Buße tun. Es soll nicht nur eine Zeremonie, nicht eine Formsache oder eine leeres Lippenbekenntnis, sondern ein wirkliches Herzensanliegen sein. Anscheinend ist aber das äußere Zeichen, das Zerreißen der Kleider, das Fasten, der Bußgottesdienst nicht unwesentlich. Es gehört auch zu Buße. Die Leute sollen sich mit ihrem Versagen beschäftigen, sie sollen vor Gott treten und Vergebung suchen. Ob es aber wirklich bis ins tiefste Innerste geht, das ist wohl eine Sache, die wir nicht in der Hand haben. Ich habe früher in der Liturgie im Gottesdienst der Landeskirche sehr oft meine Sünde bekannt und um Gottes Gnade und Erbarmen gefleht. Aber weder waren mir einzelne Sünden bewusst, noch habe ich je Gottes Gnade und Erbarmen erkannt. Es war alles eine Formsache, die mein Leben und mein Verhältnis zu Gott überhaupt nicht erreichte. So mag es vielen Leuten gehen, die heute ihre Schuld bekennen, die einen Mitmenschen oder Gott um Vergebung bitten: Es erreicht das Herz nicht und es verändert die Einstellung zu Gott nicht, zur Sünde nicht und zum Nächsten nicht. Diese leeren Bekenntnisse haben den Herrn sicher oft traurig oder zornig gemacht. Aber ich muss auch aus eigener Erfahrung sagen, dass es Zeiten gibt, wo man nicht zu einer tiefen Buße finden kann. Man möchte vielleicht Veränderung, ein reines Gewissen und ein besseres Verhältnis zu Gott, aber irgendwie bleibt das Herz unberührt. Es scheint, als müsse Gott selbst, durch seinen Heiligen Geist in uns diese wahre Buße, die Traurigkeit über die Sünde, die Reue und den Glauben an die Vergebung bewirken. Vielleicht ist die Stimme eines Propheten nötig, um die eigenen Sünden zu erkennen. Vielleicht brauchen wir die Schrecken und Leiden einer Katastrophe, um einmal in uns zu gehen. Oder wir müssen erst die eine Sünde begehen, die uns in heiliges Erschrecken versetzt? Aber sicher helfen auch Gottesdienste, Evangelisationen und gewisse Rituale zur wahren inneren Buße. Wahrheit ist, dass wir alle hin und wieder eine gründliche Reinigung unseres Gewissens, Vergebung und Versöhnung brauchen, und dass die Folgen einer echten Buße befreiend und beglückend sein können.
Wir beten.
Ja, Herr, keiner von uns ist ohne Schuld. Manchmal sind wir uns dessen bewusst, finden aber nicht zu einer echten Buße und Umkehr. Oft können wir aber unsere Sünde und Schuld gar nicht einsehen. So erfahren wir auch nicht den Segen und die Befreiung, die Vergebung mit sich bringt. Wir bitten Dich, gib uns die Gnade, echte Buße zu tun, wo es angesagt ist. Amen.

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