Radioarbeit - Wer macht sie?
Es gab eine Zeit, da waren Radioprediger eine besondere Art von Verkündigern. Sie saßen oder standen in einem Studio und sprachen ihre Texte auf. Zu ihrer Ausbildung gehörte nicht nur Theologie, Rhetorik und Homiletik, sondern auch etwas Einführung in Studiogeräte, Mikrophone und Aufnahmetechnik. Im sterilen Studio hinter dem Mikrophon versuchten sie, sich ihre Hörerschaft vorzustellen und möglichst deutlich, verbindlich und natürlich zu sprechen. Wichtig war auch, dass sie den Einzelnen ansprechen und nicht die große Masse, wie im öffentlichen Reden. Ihre Predigten waren säuberlich aufgeschrieben. Die Manuskripte wurden auf Wunsch an die Hörer geschickt. An Planung und Formulierung hatte der Autor oft lange gearbeitet. Besondere Mühe verwendete er darauf, die Texte so zu schreiben, als wären sie frei gesprochen. Also: kurze Sätze, Umgangssprache, keine Fremdworte. So haben wir jetzt fast 30 Jahre lang Radio gemacht. Die Manuskripte sind noch fast alle in meinen Archiven. Mit den neuen Medien wie CD, MP3-Spieler, Computer (Internet Radio) und iPod ist auch eine neue Art der Verkündigung über Massenmedien entstanden. In Deutschland war es seit Ende des 2. Weltkrieges nicht möglich, Genehmigungen für private christliche Radiosender zu bekommen. Manche reichen Leute haben es versucht. Selbst der ERF und andere deutsche Radiomissionen konnten jahrzehntelang nur aus dem Ausland (Monaco, Luxemburg) senden. Es scheint weiterhin unmöglich, als Ortsgemeinde oder Privatperson einen christlichen UKW-Sender zu betreiben, eine Einschränkung, die man sich in anderen Ländern überhaupt nicht vorstellen kann. Allein in Argentinien gab es schon vor langer Zeit über 1000 UKW-Sender, von freien Gemeinden unterhalten. Bürgerfunk und offener Kanal können in einigen Bundesländern genutzt werden, aber die Umstände erlauben nur selten eine beständige Arbeit.
Eine neue Möglichkeit hat sich durch das Internet ergeben. Hier kann man ohne Antenne, Sender und teure Studiogeräte, ohne Frequenzzuteilung und Genehmigung einfach “senden”. So sind eine Reihe christlicher Internetradios entstanden. Einige von ihnen senden Tag und Nacht, andere übertragen Programme in mehreren Sprachen. Manche verwenden nur Aufzeichnungen (also aus der Konserve) und andere haben auch life-segmente mit Moderation dabei.
Eine große Herausforderung für jeden Sender ist auch der Inhalt oder das Programm. Was soll man 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr senden? Da entsteht ein ungeheurer Bedarf an guten Inhalten, wozu man einen großen (teuren) Mitarbeiterstab braucht. So viele “Radioprediger” gibt es gar nicht. Also greifen die Betreiber auf vorhandenes Material zurück. Sie durchstöbern Gemeindearchive nach den Mitschnitten der Sonntagspredigten, sie fragen bei Bibelschulen an, bitten um Aufnahmen bei Seminaren und Bibelstunden. Was dabei heraus kommt, sind Vorträge oder Predigten, die im Gottesdienst in der eigenen Gemeinde, oder auf einer Konferenz, einem Seminar oder einer kleinen Hausveranstaltung gebracht wurden.
Diese Aufnahmen sind technisch oft sehr mangelhaft. Die Mikrophone waren billig und schlecht, die Aufnahmegeräte gerade mal gut genug für den Hausgebrauch, das Bandmaterial z.T. alt und mehrfach schon gelöscht, die Akustik und das Umfeld ungeeignet, Hintergrundgeräusche im Saal oder der Kirche usw. Das alles hätte man in einem normalen Radiosender nicht zugelassen. Dazu kommen noch die private Atmosphäre, die Themen der Vorträge, die oft nur für eine enge Gruppe von Hörern bestimmt sind, die Tatsache, dass der Vortragende sich hin und her bewegt und nicht darauf achtet, wo das Mikrophon steht, die laienhafte Bedienung der Geräte und vieles mehr.
Nun geht man mit diesem Material an die Öffentlichkeit. Aussagen, die im kleinen Kreis von Insidern gemacht wurden, kann jetzt jedermann hören. Menschen, die nie in einen Gottesdienst gehen würden, können sich am Internetradio oder Computer ihre Meinung über die Christen bilden. Das ist einesteils gut, aber andererseits auch gefährlich. Einige Verkündiger sind wirklich brilliant, sie kennen die Bibel und legen sie verständlich aus - aber andere reden (oder schreien) in der berühmten Sprache Kanaans oder in Phrasen, sie geben Allgemeingut weiter, bleiben sehr oberflächlich oder werden aggressiv . Über die Inhalte oder die Theologie der Prediger machen sich die Betreiber des Internet Radios wenig Gedanken - sie können es oft auch gar nicht beurteilen. Aber sie wollen das Evangelium unter die Leute bringen.
Ich habe in letzter Zeit öfter solche Programme in Internetsendern gehört. Manch ein Fachmann würde sagen: “Aber so etwas geht doch überhaupt nicht! Die Qualität ist lausig, der Wortschatz zu fromm, das Thema nicht für die Öffentlichkeit geeignet. Auch die Art des Vortrages passt höchstens in eine homogene Interessengruppe, aber nicht zu einer so breiten, unterschiedlichen Hörerschaft. Hier werden fast alle Fehler begangen, die man in Kommunikation überhaupt machen kann.”
Aus eigener Erfahrung weiß ich aber, dass diese Art christlicher Sendungen bestimmt auch viele Menschen erreicht und positiv beeinflusst. Ich jedenfalls, habe mich dabei ertappt, wie ich mich mit hineingenommen fühlte in eine kleine Versammlung in Bayern oder Schwaben, wie ich interessiert zuhörte und manches dabei lernte. Obwohl ich mich selbst zu den Radiopredigern zähle, die nach strengen Regeln arbeiten, so finde ich doch diese neue Methode auch als durchaus effektiv und vielleicht sogar attraktiv für Leute, die übersättigt sind von Perfektionismus und erstklassiger Qualität. Dazu erreichen Prediger kleiner Gemeinden durch das Internet einen viel weiteren Hörerkreis, als sie je erwarten konnten. Hoffentlich kommt die Botschaft des Evangeliums auf diese neue Art zu vielen interessierten Hörern! Das sollten wir dankbar in der Fürbitte bedenken.
Hier einige Adressen von Internetradios
www.bbnradio.org
www.sw-radio.com
www.dwg-radio.net
www.andenstimme.org
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